“The Rise of Citizen Journalism”

“The Rise of Citizen Journalism”

Viele der aktuellen Artikel, die sich mit dem Thema „citizen journalism“ (Bürgerjournalismus) befassen, thematisieren den Vormarsch dessen in diesem oder jenem Land, was dabei oft durch gleichbleibende Überschrift „The Rise of Citizen Journalism in …“ zusammengefasst wird. Auch die Idee, dass eine Revolution durch neue Medien ausgelöst wurde, kommt hierbei oft zu tragen.

Als ich das Wort Bürgerjournalismus das erste Mal hörte, dachte ich tatsächlich weder an jene Menschen, die die Berichterstattung zum Arabischen Frühling oder den Unruhen in Syrien (vgl. vorangegangene Blogbeiträge) erst möglich machten und noch machen, noch an die zufälligen Zeugen von Katastrophen, die ihre Bilder auf Internetplattformen verbreiten und einem Millionenpublikum zugänglich machen.

Bei mir löste der Begriff Bürgerjournalismus spontan die Assoziation von Flugblättern2 und der Französischen Revolution aus. Ja, auch vor dem Internet gab es eine bürgerliche Gegenpresse3, nur wurden deren Inhalte nicht als Bits und Bytes rund um den Globus geschickt, sondern auf Papier gedruckt von Hand zu Hand weitergegeben. Die Erfindung eines Mainzers4 Jahrhunderte zuvor, hatte die kostengünstige Verbreitung von gedruckten Worten möglich gemacht.

Qu'est_ce_que_le_Tiers_EtatAuch zu anderen Zeiten, vor allem immer dann wenn eine freie Meinungsäußerung verboten wurde, waren Flugschriften ein wichtiges Medium für und von couragierten Bürgern. Kurz erwähnt seien hier die Geschwister Scholl, die ihren Mut mit ihrem Leben bezahlten. Und nun, gegen Ende des Georg Büchner Gedenkjahres, sollte auch dieser nicht in Vergessenheit geraten. Der von ihm verfasste Hessische Landbote dürfte – in unserer Region – eines der historisch bekanntesten Exempel von Bürgerjournalismus sein.

LandboteIm Vergleich dazu scheint so manch eine Mitteilung, die auf diversen sozialen Netzwerken kommuniziert wird, weniger intellektuellen Ursprungs und man ist schnell geneigt in negative Kritik zu verfallen. Aber halt, hierzu fallen mir die Graffiti an den an den Wänden von Pompeijs Ruinen ein: Öffentlich sichtbare und jedem zugängliche Wände, auf denen ein (anonymer) Verfasser eine Botschaft hinterlässt … Kommt einem bekannt vor, oder? 5

Von einer Revolution des Bürgerjournalismus in Zusammenhang mit neuen Technologien würde ich also nicht sprechen. Zumindest nicht in der umgangssprachlichen Verwendung des Wortes. Ich sehe eher eine kontinuierliche Evolution6. Marshall McLuhan hatte hierfür verschiedene zeitliche Abschnitte angedacht; die von ihm postulierte Gutenberg-Galaxis dürfte auch nicht-Medientheoretikern ein Begriff sein. Ich bin gespannt, welchen Namen Medientheoretiker der Zukunft unserer Zeit geben werden. Vielleicht Zuse-Zeitalter oder das Zeitalter von Steve Jobs?

 


1 Übersetzung der Überschrift: Der Vormarsch des Bürgerjournalismus
2 vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Flugblatt
3 vgl. http://www.ieg-ego.eu/de/threads/europaeische-medien/europaeische-medienereignisse/...
4 vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Gutenberg
5 vgl. http://www.livescience.com/26164-pompeii-wall-graffiti-social-networks.html
6 Literaturtipp: Manfred Faßler: Erdachte Welten – Die mediale Evolution globaler Kulturen

Bilder: Erste Seite von „Qu’est ce que le Tiers Etat?“, 1789 (public domain) – Quelle: de.wikipedia.org | Erste Seite von “Der Hessische Landbote”, 1834 (public domain) – Quelle: de.wikipedia.org