George Holliday und das Rodney King Video

George Holliday und das Rodney King Video

#38

Am 3. März jährt sich ein Markstein des Bürgerjournalismus, der allzu oft in den Annalen bedeutender Video- bzw. Fotoaufnahmen von Bürgern, die damit Nachrichten machten, vergessen wird.
Die Mehrzahl derer, die sich heute dem „citizen journalism“ zuordnen, dürften sich nur vage an den „Vorfall“ Rodney King erinnern, liegt dieser doch schon mehr als 20 Jahre zurück. In den Vereinigten Staaten allerdings sieht es anders aus, denn hier ist Rodney King unrühmlicher Teil der jüngeren US-amerikanischen Geschichte geworden.

 

Nächtliche Unruhe

Kurz nach Mitternacht, der 3. März 1991 war angebrochen, erwachte der zu diesem Zeitpunkt 31 -jährige George Holliday in seinem Appartment in Lakeview Terrace, einem Vorort von Los Angeles. Entferntes Sirenengeheul und das laute Rotorengeräusch eines Hubschraubers hatten ihn geweckt.
Neugierig ob des Lärms ging er auf die Terrasse und beobachtete wie mehrere Polizisten einen schwarzen Mann schlugen. Da er erst Wochen zuvor eine Sony Handycam (vergleichbar mit dieser hier) erworben hatte, holte Holliday diese und begann seine Aufnahme. Die Tragweite die sein Handeln haben würde, war dem jungen Klempner damals nicht bewusst.

 

Offene Fragen

Am nächsten Tag versuchte George Holliday Kontakt zum Los Angeles Police Department (LAPD) aufzunehmen, um mehr über den nächtlichen Vorfall in Erfahrung zu bringen. Seine Fragen blieben aber unbeantwortet.

Möglicherweise war es die offensichtliche Zurückhaltung der Polizei bei der Herausgabe von Information, die Holliday davon abhielt das körnige, unterbelichtete Video nicht zu löschen, wie er tatsächlich in Erwägung gezogen hatte. Stattdessen rief er bei dem lokalen Sender KTLA-TV an, die ihn darum baten das Video am Nachmittag vorbei zu bringen.

 

„On Air“

Ob und wie genau Verhandlungen bezüglich der Nutzungsrechte zwischen dem ersten Telefonat und der ersten Ausstrahlung stattfanden, darüber gehen die Meinungen im Nachhinein auseinander. Laut dem damaligen Direktor des Sender Warren Cereghino zahlte der Sender Holliday 500 Dollar obwohl dieser gar kein Geld verlangte.

Am Abend des 4. März ging eine gekürzte Version des ursprünglich 8-minütigen Videos auf KTLA-TV auf Sendung und es dauerte nicht lange bis es landesweit in allen Nachrichten gezeigt wurde.

 

Politische Auswirkungen

Als die vier beteiligten Polizisten am 29. April 1992 nach einem Strafverfahren freigesprochen wurden, löste dies zuerst Proteste aus und endete dann in den „Los Angeles Riots“ (Unruhen in Los Angeles). In den folgenden Tagen wurden während der Krawalle unzählige Geschäfte geplündert, Fahrzeuge und Autos in Brand gesteckt und mit Gewalt gegen die Polizei vorgegangen. Nur durch die Hilfe von den nationalen Streitkräften kehrte nach vier Tagen wieder Ruhe ein.

Ein Jahr später, am 4. August 1993, wurden zumindest zwei der beschuldigten Polizisten zu 30 Monaten Haft verurtelt.

 

Persönliche Nachwirkungen

George Holliday hatte indes nicht damit gerechnet, mit seinem Video so viel Aufmerksam zu erregen. Er nahm sich einen Anwalt, um die Rechte an seinem Eigentum gültig zu machen. Die Gegenseite argumentierte aber, sie habe das Video unter Fair Use gebraucht.

Am Ende hatte Holliday nur einen kleinen Gewinn mit seinem Video erzielen können (u.a. sieht man Ausschnitte davon in den ersten 3 Minuten von Spike Lee’s Malcolm X), sondern aufgrund des Medientrubels und Morddrohungen verlor er seine Frau, die nach der Scheidung auch die Kamera mitnahm.

Aktuell vertreibt die argentinische MultiShoW Television & Multimedia – Holliday stammt von hier – das berühmte Video in einer 12-minütigen Fassung. Auf der speziell dafür eingerichteten Webseite www.rodneykingvideo.com.ar findet sich auch eine 50-minütige Dokumentation bei der Holliday persönlich zu Wort kommt.

Nicht wirklich königlich

In diesem Artikel ist der unser „Held“ für einen Augenblick George Holliday. Aber was war nun wirklich am Abend des 2. auf den 3. März geschehen?

Rodney King hatte sich im alkoholisierten Zustand eine Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert. Als diese ihn letztendlich stoppen konnten, leistete er Widerstand aus Angst, ihm würde der Verstoß gegen die Bewährungsauflagen (wegen früherer Raubdelikte) vorgeworfen. Selbstverständlich rechtfertigt dies nicht die heftige Reaktion der Polizei.

Auch in seinem späteren Leben geriet er trotz – oder wegen – seines Ruhms mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt und starb 20 Jahre nach der Prügelattacke, im Alter von 47 Jahren. Er war unter Alkohol- und Drogeneinfluss in seinem Pool ertrunken.

 

Holliday und King

Erst nach langer Zeit trafen sich die beiden Männer, deren Lebenswege durch einen Zufall auf ewig verknüpft sein werden, zufällig an einer Tankstelle.
„Du erkennst mich nicht.“, habe Rodney King zu ihm gesagt. Holliday antwortete: „Nein.“ Daraufhin meinte King: „Du hast mein Leben gerettet.“1

 

(Un-)Moderne Zeiten?

Wäre das Ereignis in der heutigen Zeit geschehen, hätte Holliday vermutlich sein Smartphone gezückt und das Video direkt im Internet vebreiten können. (Die rechtlichen Fragen, die hierbei oft vernachlässigt werden, sind indes die gleichen geblieben.) Doch Ernüchterung macht sich breit, machen Kommentare der letzten Jahre doch auf folgenden Umstand aufmerksam: George Holliday hätte sich möglicherweise einer Straftat schuldig gemacht, ist das Filmen von Polizeibeamten (auf Reaktion auf die Vergangenheit?) in manchen Staaten inzwischen strafbar. Selbst dann, wenn der Filmende das Opfer selbst ist.

 


zu George Holliday:
vgl. http://voices.yahoo.com/george-holliday-father-citizen-journalism-11302698.html
vgl. http://www.aolnews.com/2011/03/03/rodney-king-revisited-meet-george-holliday-the-man-who-shot-th/
vgl. http://www.nydailynews.com/news/national/george-holliday-man-camera-shot-rodney-king-police-beat-burned-article-1.1098931
zu Hollidays Beitrag zum Bürgerjournalismus:
vgl. http://www.poynter.org/latest-news/top-stories/121687/how-citizen-journalism-has-changed-since-george-hollidays-rodney-king-video/
vgl. http://mediactive.com/2011/03/02/rodney-king-and-the-rise-of-the-citizen-photojournalist/
zu Rodney King:
vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Rodney_King
vgl. http://www.aolnews.com/2011/03/03/rodney-king-revisited-meet-george-holliday-the-man-who-shot-th/
1 Originalzitat siehe: http://www.rodneykingvideo.com.ar/

Foto: “Rodney King” von Justin Hoch (FLICKR) – http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/