“Das Abenteuer und die Ästhetik sind beim Stormchasen fest verschmolzen”

“Das Abenteuer und die Ästhetik sind beim Stormchasen fest verschmolzen”

Der Student und Fotograf Bastian Werner bezeichnet sich auf seiner Homepage wetterfotografie.de selbst als Sturmjäger. Er ist Teil der in Deutschland wachsenden Community der Stormchaser, also Personen die aus unterschiedlichen Gründen dem Gewitter nachjagen. In einem Interview gibt er uns Einblick in sein interessantes, aber auch riskantes Hobby.

 

4Spätestens die Doku-Serie „Storm Chasers“ aus den USA hat das ungewöhnliche Hobby auch in Deutschland bekannt gemacht. Allerdings scheint hier im Land vor allem ein meteorologisches Interesse im Vordergrund zu stehen und nicht die Lust nach neuen Abenteuern. Was ist dein Eindruck von der deutschen Szene?

Ich denke man kann nicht so einfach einen Zusammenhang herstellen zwischen der Serie “Storm Chasers” und dem was in der deutschen Stormchaser Szene passiert. Wir fahren weder mit Panzerfahrzeugen in Tornados hinein, noch haben wir häufig solch starke Gewitter. Es wird sicherlich einen Zuwachs an Menschen gegeben haben, die sich mehr für schwere Gewitter interessieren, weil sie diese Serie im Fernsehen gesehen haben, jedoch gab es deshalb nicht wirklich einen Zuwachs an neuen Stormchasern in der deutschen Szene. Dies liegt daran, dass man nicht einfach nebenbei enscheiden kann Sturmjäger zu werden, nur weil man das gerade im Fernsehen gesehen hat. Wenn der Kern der deutschen Stormchaser Szene tatsächlich einmal ein neues Mitglied bekommt, dann passiert dies über ein schon bestehendes Team. Möchte jemand wirklich ein richtiger Stormchaser werden, so wird er früher oder später auf ein bereits bestehendes Team, oder einer anderen Organisationsform bestehend aus deutschen Stormchasern treffen, Kontakt aufnehmen, also in die deutsche Stormchaser Szene eintreten indem er sich diesem Team oder dieser Organisation anschließt. Stormchasen setzt viel theoretisches Wissen über Gewitter voraus, nicht nur um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen, sondern um überhaupt Erfolg zu haben. Gewitter sind sehr dynamische, schnelle und unberechenbare Gebilde. Sie dennoch jagen zu können, und das über hunderte Kilometer, braucht das Wissen und die Erfahrung über das Verhalten von Gewittern. Das Wissen lässt sich natürlich aus dem Internet heraus aneignen, wenn man die richtigen Seiten kennt. Jedoch ist es nicht so, dass ein Nachmittag lesen reicht, es ist vielmehr die Kombination aus sehr vielen dieser Nachmittage und sehr vielen Stormchasing Touren, die es einem letztendlich ermöglichen Gewitter so zu jagen, wie man es in der Serie “Storm Chasers” sieht. Da das Stormchasen wie, du fest gestellt hast, noch ein sehr neues Hobby ist, gibt es nur wenige Stormchaser, Stormchaser Teams und andere Organisationen in Deutschland, welche ich wirklich als Stormchaser bezeichnen würde. Man kennt sich oft persönlich oder zumindest den Namen aus dem Internet. Natürlich gibt es auch viele Wetterinteressierte, die sich für die Gewitter vor ihrer Haustüre interessieren, diese dokumentieren und auch das nötige Hintergrundwissen über die Gewitter haben. Sie sind ein wichtiger Teil der Wetterszene, aber keine Stormchaser im herkömmlichen Sinne. Des weiteren gibt es natürlich Menschen die es “cool” finden sich als Stormchaser zu bezeichnen, weil sie bei sich um die Ecke einmal zufällig ein Gewitter fotografiert haben. In der Stormchaser Szene fassen sie allerdings so keinen Fuß. Ich kann also jedem empfehlen, der sich für das Thema interessiert, Kontakt mit anderen Stormchasern aufzunehmen. Wir sind über jedes neue Teammitglied froh.

Was ist mit dir, bist du eher der abenteuerlustige Jäger oder der nach Ästhetik strebende Wetterfotograf?

Beides. Als Landschaftsfotograf jagt man Motive, den perfekten Moment und das perfekte Licht. Es ist also ein Abenteuer an sich Landschaftsfotograf zu sein. Die stärksten Gewitter bringen die schönsten Motive mit sich, das Abenteuer und die Ästhetik sind beim Stormchasen daher fest verschmolzen.

 

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Auf deiner Webseite wetterfotografie.de, auf der du auch deine Bilder zum Verkauf anbietest, erzählst du, dass du Physik studierst. Heißt das, du strebst keine Karriere als Fotograf an?

Ich hätte aufgrund meines Interesses am Wetter Meteorologie studieren können, das habe ich jedoch aus dem gleichen Grund nicht getan, aus dem ich keine Karriere als Fotograf eingeschlagen habe. Es wäre kein Hobby mehr und damit würde der Ausgleich verschwinden, den das Wetter und die Fotografie mir verschaffen. Zudem hätte ich mich in Richtung Portraitfotografie orientieren müssen, um wirklich Karriere zu machen. Und das ist nicht meins, dort hat man keine Abwechslung und die Spannung fehlt komplett.

 

Die Wetterberichte in den Medien sind viel zu dürftig

 

Im Juli wütete Unwetter „Ela“ durch Deutschland, insbesondere im Rheinland, im Ruhrgebiet und Südniedersachsen. Für die meisten Menschen kam das sehr unerwartet. Bist du gleich los, um ein Foto zu machen?

Erst einmal eine kleine Korrektur, das Tiefdruckgebiet hieß “Ela”, aber nicht das Gewitter welches durch den Westen gezogen ist. Wir wussten schon 5 Tage vorher, dass es an diesem Tag sehr starke Unwetter geben wird und haben daher unsere Fahrt für diesen Tag rechtzeitig geplant. Das Zielgebiet hat sich dann mit dem heranrückenden Pfingstmontag von Nordostfrankreich, über Brüssel nach Aachen verlagert. Wir sind deshalb rechtzeitig morgens los gefahren und haben schon mittags die erste Superzelle bei Bonn erwischt. Diese stand sogar kurz davor einen Tornado zu bilden und brachte bis zu 4cm großen Hagel mit sich.

Ja, es kam für die meisten Menschen unerwartet, die Schuld hierbei liegt aber nicht in der Unvorhersehbarkeit des Wetters, wir wussten ja auch was kommen wird, sondern daran, dass die Wetterberichte in den Medien viel zu dürftig sind. Wenn man von Gewittern spricht, denken die meisten Menschen an ein bisschen Regen mit Blitzen. Dass eine 200km breite Unwetterfront eine Schneiße der Verwüstung durch NRW zieht, daran denkt natürlich niemand. Hier haben die Medien versagt. Spätestens als sich die Gewitterlinie über Luxemburg gebildet hatte, 4 Stunden bevor sie Düsseldorf erreichte, konnte man die Gefahr und die Zugrichtung fast 100%ig vorhersagen. Hier hätte reagiert werden müssen, die Medien hätten in aller Ruhe warnen können. Und das rechtzeitig. Das Unwetter kam also nicht unerwartet, sondern man konnte schon 5 Tage zuvor die Gefahr sehen.

 

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Wie muss ich mir eine Sturmjagd vorstellen. Gut geplant, oder eher spontan? Was sollte man alles mitnehmen und worauf muss man achten?

Gut geplant. Man muss die Wettermodelle exakt anschauen, um zu wissen was kommt, wo man hin fahren muss und welchen Gefahren man sich aussetzt. Natürlich fahre ich auch manchmal spontan und alleine Gewitter jagen, aber nur in der näheren Umgebung. Wenn wir im Team als Stormchaser Rhein Main fahren, dann planen wir Tage vorher wo es hin geht. Mitnehmen sollte man auf jeden Fall ein Internetfähiges Endgerät zum Abrufen relevanter Wetterdaten und ein Navigationsgerät. Mehr braucht man eigentlich nicht. Ich habe dann natürlich noch meine Kamera-Ausrüstung dabei. Für den Fall von großem Hagel habe ich zur Sicherheit noch eine Schutzbrille, einen Fahrradhelm und Schaumstoffplatten dabei. Wir fahren zwar nicht in die Gewitter hinein, jedoch lässt es sich nicht immer ganz vermeiden von großen Hagelkörnern getroffen zu werden. Dagegen werden die Platten auf dem Autodach angebracht. Es mag lächerlich klingen, aber ab 10cm kommen die Hagelkörner durch die Scheiben hindurch gebrochen, die Splitter verletzen die Augen und die Hagelkörner selbst können einem schwere Kopfverletzungen zufügen. Der Ernstfall ist noch nicht eingetreten, aber auch am Pfingstwochenende gab es wieder die Möglichkeit für solch großen Hagel.

 

Bisher ist noch kein Stormchaser von einem Blitz getroffen worden

 

Kannst du Laien, die sich wenig mit Fotografie auskennen, einen Tipp gebe, wie ein tolles Wetterfoto entsteht?

Es gibt keinen universellen Tipp, man muss sich eben mit der Fotografie beschäftigen. Es ist bei Gewittern wichtig, nicht zu warten bis es bereits über einem ist, sondern schon bevor die Front auf einen zuzieht die Fotos zu machen. Sonst sieht man nur Grau und Regen.

Jetzt mal im Ernst, Gewitter fotografieren bedeutet doch sicher auch, dass man sich in eine reichlich exponierte Stellung begibt. Ist das nicht äußerst gefährlich?

Es ist viel weniger gefährlich das Gewitter aus sicherem Abstand zu beobachten und die Gefahr jeder Zeit abschätzen zu können als an einem Gewittertag unachtsam in der Natur unterwegs zu sein, ohne sich der Gefahr bewusst zu sein. Mit der nötigen Erfahrung sieht man sofort welche Gefahren auf einen zukommen. Deshalb sollte man auch nie Gewitter jagen oder gar absichtlich in eines hinein fahren, wenn man keine Erfahrung damit hat. Bisher ist noch kein Stormchaser von einem Blitz getroffen worden.

 

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Bei uns im Rhein-Main-Gebiet ist das Wetter angenehmer als zum Beispiel in Nordhessen, wo Unwetter viel eher Schäden anrichten. Du selbst lebst in Südhessen. Was machst du, wenn – wie jetzt im Sommer – partout kein Unwetter in Sicht ist?

Ich warte einfach darauf, dass einer meiner Team Kollegen aus Speyer in seiner Wohnung ist, denn dann gibt es in Frankfurt immer Gewitter. Nein, ernsthaft. Wir fahren ja nicht nur in Südhessen umher. Ich würde Nordhessen sogar noch als “um die Ecke” bezeichnen. Wir waren dieses Jahr schon in Belgien für Gewitter. Kommen diese nicht zu uns, dann kommen wir zu den Gewittern.

 

Mehr Infos über Bastian Werner:

Homepage wetterfotografie.de

 

Fotos:

  • Bastian Werner unter dem Aufwind einer Superzelle bei Sinsheim
  • Lichtstrahlen brechen durch den Nebel auf dem Kleinen Feldberg im Taunus
  • Superzelle bei Reutlingen am 28.07.2013, das teuerste Hagelunwetter der Welt.
  • Rückseite der Superzelle von Bonn am Pfingstmontag

 

 

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