AFP verheddert sich erneut im Netz und schadet allen

AFP verheddert sich erneut im Netz und schadet allen

#101

Nicht einmal ein Jahr ist vergangen, seitdem ein amerikanisches Gericht Agence France Press (AFP) zu Schadensersatzzahlungen verurteilt hat. Nun rüttelt ein weiteres „Malheur“ an dem Ansehen der ältesten internationalen Nachrichtenagentur.

 

Fotojournalisten klagen an

Die Akte „Lynsey Addario“ wird sicherlich schnell in Vergessenheit geraten und nicht die Reaktionen auslösen, die die Klage des Fotografen Daniel Morel gegen AFP und Getty Images auslöste. Dabei ist, freundlich ausgedrückt, der kürzlich begangene Fehler viel peinlicher.

Seit Ende Juli, Anfang August flüchten tausende Jesiden und andere religiöse Minderheiten vor den ISIS-Kämpfern in den Dschabal Sindschar, einer Hügelkette im Nordirak. Es sind die Bilder der Fotografen und Journalisten vor Ort, die Zeugnis dieser humanitären Katastrophe geben und dazu beitragen internationale Hilfe zu mobilisieren.
AFP veröffentlichte eines dieser Bilder am 4. August über ihren Bilderdienst. Das Bild, das in der Nähe von Sindschar aufgenommen wurde, stammte – so die Annahme – von einem lokalen Reporter.
Bereits ein Tag später musste AFP ihren Irrtum eingestehen, denn erstens, war die Urheberin der Fotografie Lynsey Addario, und zweitens, wurde die Aufnahme bereits ein Jahr zuvor in Syrien geschossen.

Ungewohnt und schnell folgte seitens der AFP eine öffentliche Entschuldigung bei der Fotografin über die eigene Facebook-Seite. Es schrieb Michèle Léridon (Global News Director):

Agence France-Presse (AFP) möchte sich öffentlich zutiefst bei der renommierten Fotojournalistin Lynsey Addario entschuldigen, für einen Fehler, den wir am 4. August 2014 über unseren Bilderdienst begangen haben. Wir verwendeten eines ihrer Bilder, das im August 2013 in Syrien für die New York Times aufgenommen wurde, in dem Glauben, dass es von einem lokalen Fotoreporter, am 4. August 2014 in der Nähe von Sindschar im irakischen Kurdistan erstellt wurde.
Am folgenden Tag entdeckten wird den Fehler. Unsere Abonnenten wurden umgehend zur Löschung des Bildes aufgerufen.
Bei AFP kennen wir alle Lynsey Addarios guten Ruf und haben großen Respekt für ihre Arbeit – das macht diesen Fehler noch schmerzhafter.
Wir möchten Lynsey Addario versichern, ebenso der New York Times und allen unsere Abonnenten, dass wir alle Maßnahmen ergreifen werden, um in Zukunft solche Fehler möglichst zu vermeiden. Wir werden umfassende Schritte unternehmen, um herauszufinden, wo wir in unserem Redaktionsprozess versagt haben, damit das Vertrauen in unsere ethischen und redaktionellen Standards wiederhergestellt wird.

 

afp apology

 

Ebenfalls über Facebook, als Kommentar zu dieser Entschuldigung, antwortete die geschädigte Fotojournalistin.

[…] Während ich die Entschuldigung von AFP schätze, bleibt eine Sache offensichtlich: AFP akzeptierte und syndizierte ein gestohlenes Bild in schlechter Auflösung, ohne zu erkennen, oder der Frage nachzugehen, ob es authentisch ist. Wir leben in einer Zeit, in der Nachrichtenorganisationen zunehmend Material von Bürgerjournalisten und Hobby-Fotografen kaufen, die nicht in den Grundlagen der Ethik des Fotojournalismus geschult worden sind. Readakteure und Fotografen sollten daher wachsamer sein, wenn sie solch Werke kaufen.

 

lynsey addario answer

 

Weitreichende Folgen

Geschadet hat AFP durch ihre unprofessionelle Arbeitsweise nicht nur der Fotografin. Auch dem eigenen Ruf und dem einer ganzen Branche wurde geschadet. Das Verhältnis zwischen den Fotografen und den Agenturen hat sich in den letzten Jahren, so die vorherrschende Meinung, wegen des Preisdrucks sowieso verschlechtert.
Und wie viele ihrer Kollegen impliziert die Fotojournalistin Addario, dass Bürgerjournalisten und Hobby-Fotografen nicht ganz unschuldig daran sind. Sie stellt diese sogar unter den Generalverdacht der unethischen Arbeitsweise, was sehr Schade ist. Denn oft sind die “amateurhaften” Aufnahmen die einzigen Quellen, die manch Verbrechen dokumentieren. Beispiele für guten, investigativen Bürgerjournalismus gibt es genügend. Der Engländer Eliot Higgins [hier im SellNews Inteview >], der seine Webseite Bellingcat jüngst erfolgreich publik gemacht hat, ist einer der großen Vorbilder der Szene und stellt Tag für Tag zu Schau, dass auch normale Bürger die Fähigkeit besitzen nach journalistischen Standards zu Arbeiten.
Zuletzt geben solch falsch deklarierte Fotos auch Verschwörungstheoretikern und Extremisten Auftrieb, da einmal mehr ein Beweis erbracht wurde, dass „die Medien“ die öffentliche Wahrheit zu ihren Gunsten manipulieren. So folgten auf AFPs Entschuldigung auch diese Kommentare:

well i’m afraid that your mistake has pushed the media thus the us to launch another war campaign

und

ISIS is seems just a creation of NSA…Similar to sting operation in USA… […]

 

Foto: KoS (Own work) [GFDL or CC-BY-SA-3.0-2.5-2.0-1.0], via Wikimedia Commons