“Diese (kulturelle) Randlage in Stadt und Gesellschaft ist schon seit einigen Jahren zentrales Thema meiner freien Arbeiten.”

“Diese (kulturelle) Randlage in Stadt und Gesellschaft ist schon seit einigen Jahren zentrales Thema meiner freien Arbeiten.”

ben_kuhlmann_interview_sellnews_01“Derzeit verliehen” – so lautet der Titel des Fotobuches, das der junge Fotograf Ben Kuhlmann über die deutsche Crowdfundingseite Startnext finanzieren möchte. Noch bis zum 23. November kann man diesen “letzten subjektiven Einblick in Deutschlands Videotheken” mit einer Spende unterstützen.

Ein kurzes Gespräch mit Ben Kuhlmann:

 

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein Interview nimmst. Kannst du dich unserer Community kurz vorstellen?

 

Ich bin Ben Kuhlmann, komme aus Süddeutschland und studiere momentan meinen Master an der Fachhochschule in Dortmund. 2012 Habe ich in Würzburg meinen Bachelor in Kommunikationsdesign gemacht und seitdem bin ich neben dem Master auch selbstständiger Fotograf.

 
Kürzlich wurde bei mir im Ort die letzte Videothek im näheren Umkreis geschlossen. Ich fand das traurig, denn es weckte das unbestimmte Gefühl des “Endes einer Ära”. Bis zur Schließung besuchte ich die Videothek fast täglich, konnte so den Prozess des Abverkaufs von Mobiliar und DVDs mitverfolgen. Während ich ein paar Fotos machte, dachte ich darüber nach, dass man eine Fotoserie mit den letzten verbliebenen Videotheken erstellen müsste. Denn nun wächst eine Generation heran, die das Konzept des Vor-Ort-Verleihs nicht mehr kennenlernen wird.

Zu meiner Freude bin ich nun auf dein Crowdfunding-Projekt “Derzeit verliehen” gestoßen. Kannst du ein bisschen davon erzählen?

 

Eigentlich habe ich selbst gar keinen großen Bezug zu Videotheken. Durch Zufall fiel mir die letzte Videothek in meiner Nachbarschaft auf und ich entschied mich, da mal reinzuschauen. Dort war alles genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte, unverändert wie vor zehn Jahren. Nach Recherchen habe ich dann schnell festgestellt, dass sich seit diesen zehn Jahren dafür auf dem Markt umso mehr verändert hat. Die Anzahl der deutschen Videotheken hat sich halbiert und es scheint keinen Halt in diesem Abwärtstrend zu geben. Aus diesem Grund habe ich mich dann dafür entschieden, diese Orte noch ein letztes Mal festzuhalten.

 

Das Erlebnis, das der Raum “Videothek” bietet, ist in einer zweidimensionalen Fotografie nur schwer einzufangen.

Wie versuchst du dieses fotografisch wiederzugeben?

 

Die gesamte Arbeit ist eine Mischung aus sehr räumlichen Aufnahmen und total verdichteten Bildern. Natürlich will ich einen Eindruck von der Videothek als Raum geben, aber dieses Überangebot (sofern es noch sichtbar ist) an Filmen, Spielen oder Snacks war hier für mich auch von Bedeutung. Ein Archiv von Träumen und Sehnsüchten in unserer Gesellschaft. Deshalb sind viele Bilder sehr collagenhaft und teilweise erst auf den zweiten Blick zu begreifen.

 

Ebenfalls vor einigen Monaten bekanntgegeben wurde die Schließung der letzten Videothek in Manhattan. “Kim’s Video & Music” war eine New Yorker Institution, deren geplante Schließung in den Feuilltons betrauert wurde. Hiesige Videotheken genießen keinesfalls den Ruf einer kulturellen Hochburg. Noch sind sie bekannt für ästhetisches Design.

Wie reagieren die Menschen, wenn sie von deinem Projekt hören?

 

Mein Projekt polarisiert aus genau dem Grund, den du nennst. Es gibt natürlich die, die gerne und regelmäßig in die Videotheken gehen, aber es gibt mindestens genauso viele die dazu keinen Bezug haben. Dann sieht man in meinen Bildern natürlich verwahrloste Räume mit leider nur gut gemeinter Inneneinrichtung.

Diese Zweiteilung merke ich auch in meinem Crowdfunding-Projekt. Ich habe die Arbeit nun über wirklich viele Kanäle verbreitet, aber der Zuspruch zu einem Fotobuch über die Thematik ist doch eher verhalten.

In meiner Fotografie merkt man auch den eigenen fehlenden Bezug zur Thematik. Die Bilder sind in keinster Weise melancholisch oder beschönigend. Ich habe in den Videotheken auch eher das Schmuddelige und Veraltete gesehen.

 

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“Derzeit verliehen” ist deiner fotografischen Studie “Der Gang des Bergmanns” nicht ganz unähnlich. Beides dokumentiert das Ende einer Kultur bzw. wurden Verleihpraxis im ersten Fall, und die industrielle Schwerstarbeit im zweiten Fall, erst im Moment des Verschwindens als Kultur-würdig entdeckt.

 

Diese (kulturelle) Randlage in Stadt und Gesellschaft ist schon seit einigen Jahren zentrales Thema meiner freien Arbeiten.

 

Wie schwer ist es für dich als Fotograf, insbesondere bei deinen Themen, finanzielle Mittel aufzutreiben, um ein Projekt durchzuführen und dieses bestenfalls durch eine Print-Publikation abzuschließen?

 

Bisher habe ich kein eigenes Projekt mit einem richtigen, publizierten Produkt abgeschlossen. Das ist auch nicht mein Ziel.

Das Crowdfunding-Projekt ist hier für mich nun so eine Art Übung. Wie kann ich mich vermarkten, auf mich aufmerksam machen? Ich war bisher nicht so gut in der Selbstvermarktung und das muss sich irgendwann ändern um draußen durchhalten zu können.

 

Es gibt viele Menschen, die den Beruf des Fotografen/der Fotografin als nicht länger rentabel betrachten; nur wenige Menschen, die die Zukunft der Branche als rosig ansehen.

Ist es nicht verrückt, dein Lebensunterhalt mit der Fotografie verdienen zu wollen?

 

Na ja, an dieser Stelle muss ich ehrlich sein. So etwas wie Bürgerjournalismus ist ein zweischneidiges Schwert und ist für das Berufsfeld des „professionellen“ Fotografen nicht förderlich.

Es gibt aber weitere Bereiche in der Fotografie, die dann tatsächlich nur ein Fachmann erledigen kann. Der Kunde muss so was lediglich erkennen.

Verrückt erscheint es mir also nicht, Fotograf zu werden/zu sein. Man muss nur die Sparte finden, in die man am Besten passt.

 

Zum Schluß noch eine profanere Frage: Was beinhaltet deine Fototasche alles?

 

Momentan:

EOS 5D Mark III

Canon 50mm f1,4

Drahtauslöser

Stativplatte

 

 

Weitere Infos unter:

info@ben-kuhlmann.de

http://ben-kuhlmann.tumblr.com/

http://www.ben-kuhlmann.de/

 

“Derzeit Verliehen” auf Startnext unterstützen >

 

 

Fotos: Ben Kuhlmann