„Nightcrawler“ – Das Antonym zum „citizen journalist“

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Einer der besten Filme dieses Herbstes ist der Thriller Nightcrawler. Neben der grandiosen schauspielerischen Leistung des Hauptdarstellers Jake Gyllenhaal bietet der Film einen kritischen Blick auf den Sensationshunger der Medien. Vor allem der Bürgerjournalismus kommt hierbei schlecht weg, ist Lou Bloom (Gyllenhaal) doch die Personifizierung des skrupellosen Reporters. Ein Grund mehr, den Film als Fallbeispiel für die Gefahren des Bürgerjournalismus zu betrachten. So zumindest die Ansicht einiger Rezensenten.

 

Die Kritik fasst zu kurz, den Lou Bloom ist keineswegs der typische Bürgerjournalist. In der Tat spricht sein Verhalten gegen jegliche journalistischen Prinzipien, so dass der Name „Nightcrawler“ (engl. Regenwurm) schon sehr viel aussagekräftiger ist.

Einen ähnlichen „Berufsethos“ kennt man von den Paparazzi, die in dem gleichnamigen Thriller von Paul Abascal (2004) ebenfalls jegliche Scheu vor der Zurschaustellung menschlichen Leids verloren zu haben scheinen. Doch handelt es sich in beiden Fällen um fiktive Extrembeispiele, die zum Glück nicht (immer) die Realität abbilden.

 

Mit Kritik ist es wie mit Horror-Bildern – beides wird eher wahrgenommen als die gegenteilige Variante. Soziale Netzwerke und Medienplattformen (zu denen wir auch gehören) werden gerne kritisiert, da sie einen unethischen (Bürger-)Journalismus fördern. Dabei sollte klar sein, dass diese Form des medialen Voyeurismus eine Nebenerscheinung ist, die keiner wirklich gut finden kann. Aufklärung der Nutzerschaft über Verhaltensregeln ist daher immer erstes Gebot!*

 

Die britischen Medien, die größtenteils für ihren boulevardesken Stil bekannt und gefürchtet sind, sind wider Erwarten Vorreiter für unabhängige, journalistische Projekte. Einer der interessantesten dieser Art ist die vor Kurzem erfolgreich gestartete Webseite Bellingcat, die einen investigativen Bürgerjournalismus darbietet. Wer „investigativ“ und „Bürgerjournalismus“ als eine Wortpaarung betrachtet, die nicht zusammenpasst, der sollte Eliot Higgins kennenlernen. Der wohl bekannteste Bürgerjournalist ist der Kopf hinter Bellingcat.

 

Natürlich ist Bellingcat wiederum nur einer der wenigen Glanzpunkte in diesem Bereich. Die meisten Bürgerjournalisten findet man zwischen den beiden Extremen. Sie werden sich höchstwahrscheinlich nicht einmal als solche bezeichnen. Denn es sind Menschen, die eine Geschichte für erzählenswert erachten und deswegen an die Öffentlichkeit gehen. So zum Beispiel Wael Kadlo, der Preistäger in der Kategorie Citizen Journalism des Aan Korb: BBC Arabic Film and Documentary Festival. Sein Dokumentarfilm „Wound“ erzählt die Geschichte einer Krankenschwester in Damaskus während des Beginns der Unruhen.

 

Letztendlich ist Nightcrawler die Geschichte eines gestörten Menschen, der alles tut, um den maximalen finanziellen Gewinn zu erreichen. Es ist daher bezeichnend, dass er durch reinen Zufall zum Amateur-Journalismus findet.

 

*Wir versuchen dies über unser Handbuch, unsere Webseite und unseren Blog zu vermitteln.