Ein Leben mit Kameras – Dystopie oder nahe Zukunftsmusik?

Ein Leben mit Kameras – Dystopie oder nahe Zukunftsmusik?

#146

 

9783462308204_5Zu den aktuellen Bestsellern unter den Büchern gehört der Roman „Der Circle“ von Dave Eggers. Der rote Buchumschlag mit dem verschlungenen Logo lässt auf den erstem Blick nicht erkennen, welch hochaktueller Inhalt sich in den Seiten verbirgt.

Der Circle ist ein Internet-Unternehmen, das aus einer Fusion des Suchmaschinengiganten Google und dem sozialen Netzwerk Facebook entstanden hätte sein können. Nur dass es in der Welt, in der „Der Circle“ spielt, kaum noch Menschen gibt, die nicht bei deren Plattform „TrueYou“ angemeldet sind – ersetzt es doch fast alle uns bekannten Onlinedienste mit einem Schlag.

Kurz nachdem die junge Protagonistin Mae Holland im Customer Service des Circle begonnen hat, stellt die Firma die neueste Erfindung, die „SeeChange“ Kamera, vor. Es handelt sich um eine günstige, sehr kleine Kamera, die eine globale Überwachung von jedem durch jeden ermöglichen soll. Eine dieser Kameras wird Mae schnell zum Verhängnis: Während eines Besuchs bei ihren Eltern stiehlt sie kurzerhand ein Kanu und wird alsbald von der Polizei aufgegriffen. Ihr Arbeitgeber sieht diesen Vorfall als Chance, die „SeeChange“ Kameras zu promoten und Mae Holland für Unternehmenszwecke zu instrumentalisieren. Wie auch viele Politiker, die dem – durch den mächtigen Circle – ausgeübten Druck nicht statthalten konnten, stimmt sie der Totalüberwachung ihres Lebens zu. Mit einer kleinen Kamera, die sie ständig bei sich trägt, wird sie zu einer transparenten Person …

 

Wearables für alle Lebensbereiche

Auch wenn einiges von dem, das in „Der Circle“ beschrieben wird noch in weiter Ferne liegt – hierunter vor allem technische Dinge – machen gerade die Übereinstimmungen zu bereits existierenden Praktiken und Objekten die Geschichte zu einem beängstigenden Szenario. Denn obwohl viele von dem Gedanken, dass eine Kamera sie 24 Stunden am Tag beobachten würde, angewidert sein und es als unrealistisch betrachten dürften, dass Menschen dies „freiwillig“ mitmachen könnten, scheinen Technologie-Unternehmen unserer Zeit der gegenteiligen Ansicht. Und die vielen neuen Produkte im Bereich „Wearables“ scheinen eine wachsende Nachfrage zu bestätigen.

Wearables sind technische Geräte („Gadgets“) die man, wie der Name bereits andeutet, bei sich trägt. Zu den bekanntesten Vertretern dieser Art zählt u.a. die in den letzten Monaten sehr gehypte Brille Google Glass sowie die Smartwatches, die nun scheinbar jede Firma herstellt. Zuletzt haben Microsoft und Apple den Eintritt in den Smartwatch-Markt gewagt.

 

Kameras als Tagebuchersatz

Eher eine Randerscheinung stellen die tragbaren Kameras dar. Dabei sind mit Dashcams in Autos, Bodycams bei Polizisten und Actioncams bei Mensch und Tier, der Schritt zu einer vollständigen Aufzeichnung des Alltags ein geringer. Wenn man seine gelaufenen Meter, die eingenommenen Kalorien, den eigenen Standort ständig der Öffentlichkeit preisgibt, kann man das doch gleich mit Bildern dokumentieren, oder?

 

Lifelogging-Kameras erfreuen sich auf Crowdfunding-Plattformen großer Beliebtheit. Die CA7CH Lightbox von Catch Motion Inc. aus New York erreichte in kürzester Zeit den erhofften Betrag auf Kickstarter. Mit 38x38x10mm und 30gr ist die CA7CH klein und leicht genug, um diese an Hemd, Mütze oder Tasche zu befestigen. Ein magnetischer Clip macht dies möglich. Auf technischer Seite bietet sie 8mpx und natürlich Videos in HD-Qualität.

 

ca7ch

 

Noch kleiner – angeblich die kleinste wearable Kamera der Welt – ist der Narrative Clip aus Schweden mit 36x36x9mm und 20gr Gewicht. Allerdings bietet sie nur 5mpx und gehört noch zu der ersten Generation von Lifelogging-Kameras. Das heißt: Live-Streaming von Videos ist nicht möglich, stattedessen nimmt die kleine Linse 2 Bilder pro Minute auf. Hierbei handelt es sich ebenfalls um ein erfolgreiches Kickstarterprojekt, das allerdings mit dem Namen Memoto an den Start ging.

 

White on Yellow Tee

 

„The word’s first wearable camera“ heißt Autographer und kommt aus England. Sie ist um einiges größer (37x90x23mm und 58g) und sieht daher etwas mehr wie eine Actioncam aus. Allerdings macht sie – wie der Narrative Clip – nur Fotos, je nach Einstellung 50, 100 oder 200 pro Stunde.

 

autographer

 

Größer (42x129x23mm), schwerer (95g) und bunter (blau, gelb, rosa, weiß) ist die Theta vom japanischen Hersteller Ricoh. Wer diese um den Hals trägt, fällt sicherlich auf. Auch nicht schlecht, denn auch sie verfügt über die Möglichkeit der Videoaufnahme.

 

theta

 

Seitdem Rollei wieder groß auf dem Kameramarkt mitmischt, beweist das Unternehmen, dass es auf der Höhe der Zeit ist. Zu den güsntigen Actioncams gesellt sich die Add Eye Cam hinzu. Dieser Hybrid aus Lifelogging-Gadget und Actioncam bietet eine 4K-Zeitraffer-Funktion und Full HD Videos. Mit 50x37x19mm ist sie noch relativ klein und hat auch nur ein Gewicht von 36g.

 

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Schöne neue Welt

Wer nun ethische Bedenken hat, dass dies zu einer Zukunft der Totalüberwachung beiträgt, der möge sich die Kernprinzipien des Circle aneignen.

 

Geheimnisse sind Lügen.

Teilen ist Heilen.

Alles Private ist Diebstahl.

 

Fotos: Graffito – C00 – Public Domain; Produktfotos von den jeweiligen Herstelleren.