“Ich möchte gern, dass der Betrachter die Möglichkeit bekommt, über diese immanente Dinglichkeit hinauszusehen”

“Ich möchte gern, dass der Betrachter die Möglichkeit bekommt, über diese immanente Dinglichkeit hinauszusehen”

Die meisten Menschen würden an den Dingen, die die Berliner Künstlerin Tina Kino in ihren Fotografien darstellt, wohl achtlos vorbeigehen. Oder im vollen Bewusstsein wegschauen. Dabei inspirieren ihre Fotos den Betrachter dazu, das Alltägliche aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

 

Gerade habe ich mir deine Fotos – die meisten aufgenommen in Berlin – angesehen. Standortmarketing sieht anders aus. Wie siehst du deine Stadt?

 

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Mein Verhältnis zu Berlin ist sehr ambivalent.
Spannend ist diese Stadt in jedem Fall – ganz allgemein gesehen, und besonders, was die visuellen Eindrücke angeht. Ein Schlaraffenland.
Berlin ist halt eher dieser sprichwörtliche “Flickenteppich” aus dem second-hand Geschäft, als das schicke neue Stück aus dem Designer-Laden.
Das kann sehr interessant sein, zeugt von Leben, ist authentisch.
Das kann allerdings auch sehr grobschlächtig und ungesund aussehen.
Man kann dankbar sein für die vielen Freiheiten, die einem die Stadt Berlin bietet.
Gleichzeitig ist es so, wie ein Bekannter von mir das mal formuliert hat, dass man auch “ganz hervorragend Scheitern kann hier in Berlin”.

 

Etwas Gutes hat Berlin dem Anschein nach: Wenn man eine Schlafgelegenheit sucht, findet man diese, in Form von verlassenen Matratzen, an jeder Ecke.

 

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Das ist wohl schlichtweg so, dass hier viele Leute kein Auto haben. Und keine Lust oder kein Geld, sich eins zu leihen – um Dinge wie zum Beispiel alte Matratzen zu einem Wertstoffhof zu bringen.
Das ist dann für manche naheliegend, das einfach auf den Gehweg zu stellen.
Mir ist aufgefallen, dass das häufig vorkommt, und auch in “Schüben” – bei Anbruch der kalten Jahreszeit zum Beispiel scheinen sich viele Leute eine neue Matratze zu kaufen.

Mich hat das visuell angesprochen. Das ist, graphisch gesehen, ja eine relativ große, homogene Farbfläche, so eine Matratze, und haptisch so kontrastierend zu dem, was einem das Stadtbild normalerweise zeigt.
Natürlich macht man sich zu Anfang auch Gedanken wie “Du meine Güte, schmeißen die hier einfach Matratzen vor die Haustür?” – es hat etwas absurdes.
Auch etwas “tragisches” – das einst so private, fast intime Teil (Spannbett-Bezug oft noch drauf) wird hinausgeworfen in die Gosse; passt sich mit jedem staubigen Tag, und jedem Regen etwas mehr dem verlebten Stadtbild an. Wenn die Berliner Stadtreinigung gerade keine Zeit-, oder wichtigeres zu tun hat, dann überwintern diese Objekte auch schon mal bis zum nächsten Frühling; man hat dann einen durchgefrorenen, versifften Block Schaumstoff mit einer Schneehaube vor der Haustüre.

 

Ein Schwerpunkt deiner Arbeit des vergangenen Jahres sind die „Sidewalk Still Lifes“, zu Deutsch: „Bürgersteig-Stillleben“.
Im Gegensatz zu klassischen Stillleben, sind deine Bilder nicht unbedingt Aufnahmen von hübschen, nach ästhetischen Aspekten arrangierten, Objekten.

 

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Mir erschien der Titel Sidewalk Still Lifes für die Reihe passend, weil es bei diesen Bildern hauptsächlich um reglose Gegenstände geht, die man aus einem gewöhnlichen Blickwinkel – den Bürgersteig entlang laufend – wahrnehmen kann.
Man kann es so sehen – überall in der Stadt sind ja irgendwelche Dinge – dass man da am laufenden Band “potentielle Stillleben” vor den Augen hat. Ich wähle aus den Myriaden von ihnen aus.
Ich mache diese konkret, indem ich die in ein Format bringe.

Nein, ästhetische Aspekte stehen nicht im Vordergrund, es muss nicht “hübsch” sein. Auch um Symbolik geht es mir in der Regel nicht.
Mein Augenmerk gilt primär den Linien und Flächen, den Formen und Farben des Bildes – dem Ausdruck, den diese zusammen schaffen.
Ich suche in dieser oft sehr chaotischen, rauen oder auch schlicht “unschönen” Stadt nach Ausschnitten, die eine gewisse Balance ausstrahlen, eine Art Ruhe.

Fotografien sind ja ihrem Wesen nach, in der Regel, sehr von einer Dinglichkeit geprägt; man sieht ganz konkret diese und jene Gegenstände, vor genau diesem Hintergrund – wie auf dem obigen Bild zum Beispiel.
Mich hat da aber vor allem die Verteilung dieser farbigen Elemente vor dem grauen Hintergrund angesprochen, die Anordnung, die Spannung, das strahlt ja etwas aus.
Ich möchte gern, dass der Betrachter die Möglichkeit bekommt, über diese immanente Dinglichkeit hinauszusehen, die Geste wahrzunehmen – das, was dem Bild innewohnt – unabhängig davon, was darauf abgebildet ist.

 

Hat sich deine fotografische Perspektive und deine Arbeitsweise geändert, jetzt wo du nicht mehr als Fotoreporterin im Auftrag einer Zeitung unterwegs bist?

 

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Die Arbeitsweise, und auch der Ansatz sind grundverschieden.
Ein Foto, welches einen Artikel in einer Tageszeitung bebildern soll, hat ja eine klar umrissene Aufgabe. Es geht primär um die Info; der Bildinhalt steht im Vordergrund.
Da ist die Person, um die es geht, dieser oder jener Ort, dieser Gegenstand oder genau dieser Ort eben das entscheidende; in diesen Bildern geht es ganz konkret um das, was darauf abgebildet ist.
Zudem ist es ja in der Regel sehr stark termingebunden – man hat nur selten den Luxus, am nächsten Tag nochmal zu kommen, wenn einem das Licht vielleicht besser passt.
Eine ganz andere Welt als die, in der ich teils mit verschiedenen Kameras und unterschiedlichen Filmen einen Ort immer wieder aufsuche, bis ich glücklich bin mit meinem Bild.

 

Du scheinst mit unterschiedlichen Kameras (Pentax, Canon, Nikon) zu arbeiten – benutzt du auch dein  Smartphone zum fotografieren?

Freilich.
Ich gehe selten ohne Kameras aus dem Haus, deshalb bräuchte ich die im Smartphone im Prinzip nicht noch zusätzlich.
Es ist manchmal allerdings super-praktisch. Schnell mal eben etwas abfotografieren, und das quasi ohne Aufwand sofort per Email weiterleiten können zum Beispiel.

Für Fotos allerdings, wo es mir tatsächlich um das Bild geht, benutze ich lieber “richtige” Kameras, mit einem Sucher; und mit Vorliebe analoge Kameras, mit zur Situation passendem Film.
Smartphone-Kameras werden immer besser – die Möglichkeiten sind jedoch ziemlich beschränkt, auch wenn es einige Leute gibt, die da schon sehr viel heraus holen können.

 

Für welche Zwecke ist, deiner Meinung nach, welche Kamera am besten geeignet?

Das kommt wohl sehr stark darauf an, was man denn möchte. Und wofür man die Bilder braucht – ob zum Beispiel ein paar Pixel fürs Internet reichen, oder ob man einen schönen, großen Druck haben mag.
Den unterschiedlichen Bedürfnissen und Gegebenheiten begegnet man am besten mit dem dafür passenden Equipment – das ist im Prinzip wie mit Kleidung, für unterschiedliches Wetter, unterschiedliche Jahreszeiten.
Mit einer soliden digitalen Spiegelreflex Kamera und verschiedenen Objektiven ist man wohl am besten gewappnet für verschiedene Anforderungen – das geht allerdings ins Geld, und außerdem auf den Rücken.

 

Wohin würdest du Berlin-Touristen führen, die nach ausgefallenen Motiven suchen?

 

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Ich würde empfehlen, eine Tageskarte für den ÖPNV zu erwerben, und kreuz und quer mit der Straßenbahn durch die Stadt zu fahren. Bevorzugt in den Sommermonaten.
Zwischendurch immer wieder aussteigen, und in die Seitenstraßen einbiegen; mal einen Blick in die Hinterhöfe wagen, vielleicht am besten in Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln.
Wenn man “ausgefallene Motive” sucht, ist man in Berlin goldrichtig.

 

Zum Schluss noch eine Frage: Welches Fotoprojekt würdest  du in Zukunft gerne verwirklichen?

Dieses Jahr möchte ich unter anderem gern die Sidewalk Still Lifes Serie in anderen Städten und Ländern fortführen;
dabei noch weiter weg von der Dinglichkeit, mit einem noch stärkeren Fokus auf die unmittelbare Bildwirkung durch die Farben und Formen.

 

Mehr von Tina Kino unter tinakino.com und ello.co/tinakino

Fotos: © Tina Kino