“Es ist, als würde man in die Vergangenheit reisen.” – Interview mit LucidCam CEO Han Jin

“Es ist, als würde man in die Vergangenheit reisen.” – Interview mit LucidCam CEO Han Jin

“Virtual Reality” dürfte einer der wichtigsten Techniktrends in diesem Jahr sein. Auch weil nun kleinere Startups die Technik für Konsumenten interessant machen. Hierzu gehört die Firma Lucid aus Kalifornien. Mit ihrer LucidCam soll das Erstellen von Virtual Reality-Videos und -Fotos erschwinglich werden.

Wie das funktionieren soll, und warum Melonenbier ein Indikator für Innovationsfreude ist, erklärte uns CEO Han Jin – selbstverständlich in perfektem Deutsch.

 

Als ich über LucidCam schreiben wollte, fiel mir auf, dass ich keine Ahnung habe, was ich da vor mir habe. Zuerst dachte ich, LucidCam sei eine Virtual Reality-Brille mit fehlender Kopfhalterung. Auf den zweiten Blick war ich mir sicher, dass man das Gerät – anstelle eines Smartphones – in die Samsung Gear VR reinstecken kann, um Fotos zu machen. Klär mich doch bitte auf, wie ich mir die Nutzung des Geräts vorstellen kann.

LucidCam ist eine Kamera, die mit einem Klick 180°-Fotos und -Videos in 3D schießen kann. Wenn man sich diese Fotos und Videos auf einem VR-Headset anschaut, fühlt es sich so an, als befände man sich in der Szene. Dadurch kann man Erinnerungen, so nah wie es deine Augen zu dem Zeitpunkt erfasst haben, wieder erleben. In der Zukunft wird es viele Möglichkeiten geben, die LucidCam zu befestigen – so ähnlich wie bei den GoPro-Kameras ,- um beispielsweise auf Reisen, beim Sport oder auf Events Aufnahmen zu machen. Wenn man diese Videos dann mit Freunden oder Familie teilt, können diese dasselbe Ereignis durch deine Augen sehen.

 

Um Virtual Reality-Aufnahmen zu bekommen, setzt deine Firma Lucid auf 180° – und schwimmt damit gegen den Trend zu 360°-Kameras. Könnte sich das in Zukunft nicht als Fehler erweisen?

Anhand von Nutzerstudien haben wir herausgefunden, dass 360°-Videos Eigenschaften haben, die der Endkonsument noch nicht zu beherrschen weiß. In dem folgenden Artikel sind die Gründe aufgelistet.

Dadurch, dass wir gegen den Strom schwimmen, eröffnen wir einen völlig neuen Nischen-Markt, der von großen Konzernen meistens übersehen wird. Für den Endkonsumenten macht es kaum einen Unterschied, da die meisten sich nicht mit dem gesamten Körper umdrehen, wenn sie Filme anschauen.

Es handelt sich also mehr um ein 3D-mit Peripherie-Erlebnis.

Außerdem hat die 180°-Kamera viele Vorteile. Erstens, haben wir mehr Kontrolle über die Kosten der Kamerabestandteile; zweitens, sind unsere Dateigrößen wesentlich kleiner als von 360°-Kameras mit 3D. Und drittens, können wir in den 360°-Markt jederzeit vordringen, indem wir zwei LucidCams back-to-back montieren. Wir sehen uns als eine “low-end disruption” (definiert vom Harvard Professor Clayton Christensen), so wie damals Toyota, als sie mit dem Camry eine neue Klasse entwickelt haben, die vom Preis-Leistungsverhältnis her eine bessere Lösung für jüngere Käufer war.

In Zukunft können wir dann mit dem Grundgerüst verschiedene Wege einschlagen, um das obere Marktsegment zu erobern.

 

Videoaufnahmen werden im MP4-Format gespeichert, allerdings (noch) nicht in HD-Qualität. Das lässt natürlich die Frage aufkommen wie hoch die Dateigröße bei einer Filmminute ist?

Eines unserer Vorteile ist die kleine Dateigröße. Wir werden wahrscheinlich nicht die Dateigröße von 2D-Videos erreichen können, aber zumindest weniger Speicherbedarf benötigen als eine 360°-Grad Kamera mit 3D. Beispiel: Eines unserer Demovideos ist circa eine Minute lang und hat eine Dateigröße von 82 MB.

Zurzeit ist der Virtual Reality-Markt noch nicht so weit vorangeschritten, dass die VR-Headsets eine Auflösung in HD-Qualität bieten. Wir werden uns langsam, über die folgenden Jahre hinweg, der Entwicklung der Headsets anpassen müssen oder unsere eigenen Headsets entwickeln. Momentan konzentrieren wir uns darauf, dass VR-Erlebnis auf das Smartphone zu bringen, d.h. man bräuchte nur ein Google Cardboard (15 Euro) um sich LucidCam-Videos anzuschauen.

 

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Welche Hardware-Details kannst du mir verraten?

Leider kann ich noch nicht so viele Hardware-Details verraten, aber die wichtigsten Details sind Größe (ungefähr so groß wie ein iPhone 5), 2-Lens-System, ein Schalter für die Aufnahme von Videos und Fotos (Start/Stop), Stereo-Tonaufnahme, in der Kamera integrierte Batterie und Speicherkarte.

 

Obwohl LucidCam eine günstige VR-Kamera sein will, könnte die junge Käufergruppe, die ihr ansprechen wollt, wegen des hohen Anschaffungspreis zurückhaltend reagieren. Zumal Lucid noch eher unbekannt ist.

Der heutige Preis ist etwas höher, weil die meisten Käufer Early-Adopter sind, die sich selbst als VR-Pioniere sehen und den Markt erkunden möchten. Daher ist der Anfangspreis höher als der, den wir den Endkonsumenten anbieten werden. Über längere Zeit wird sich der Anschaffungspreis im Bereich der GoPro-Kameras einpendeln. Und in Amerika hat jeder Zweite eine GoPro-Kamera.

 

Gleichzeitig habt ihr, als VR-Pioniere, das Problem, den Menschen dort Draußen eure Technik zu erklären. Verstehen deine Familie und Freunde was du machst?

Ja, meine Familie und Freunde verstehen was ich mache, aber es ist schon schwierig, sich das vorzustellen. Ich glaube, dass es damals dasselbe Problem mit Farbfernsehern war, als die Leute nur Schwarz-Weiß-Fernseher kannten. Ich erkläre es meistens so: Stell dir vor, dass du – statt dir auf einem Bildschirm die Bilder deines einjährigen Sohnes anzuschauen – dich in der Zukunft so fühlen wirst, als würdest du neben deinem einjährigem Sohn stehen. Es ist, als würde man in die Vergangenheit reisen.

 

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Wie realistisch ist der Plan, die LucidCam noch in diesem Jahr debütieren zu lassen?

Zurzeit sind wir auf dem besten Wege dahin. Wir reisen viel, um unsere Kamera an verschiedenen Orten vorzuführen.

Aber mit debütieren verstehe ich, dass man die LucidCam über unsere Indiegogo-Kampagne oder auf unserer Website bestellen kann. Natürlich hängt auch vieles davon ab, wann die VR-Headsets für den Endkonsumenten erhältlich sein werden.

 

Zu einem anderen Thema: Du hast lange in Deutschland gelebt und bist dann nach Kalifornien gegangen. Woran glaubst du liegt es, dass es in Deutschland so wenig Startups mit technischen Innovationen gibt?

Ich bin in Deutschland aufgewachsen, zur Schule gegangen und habe meinen Bachelor am KIT in Wirtschaftsingenieurwesen abgeschlossen. Dadurch kenne ich mich sehr gut mit der deutschen Arbeitsweise aus. Erst als ich dann für meinen Master nach Berkeley gegangen bin, habe ich viele Sichtweisen der Amerikaner übernommen.

Ich glaube, dass es eine große Rolle spielt, wie man Innovationen betrachtet. In Amerika wird einem immer und immer wieder „out of the box“- Denken eingeflößt indem einem jeder Fehler verziehen wird. Es hat viele Vorteile, wenn beim Brainstorming plötzlich jede Idee positiv aufgenommen wird statt sich damit auseinanderzusetzen, warum die Idee falsch sein könnte. Natürlich führen nicht alle Ideen zum richtigen Ergebnis, aber insgesamt entstehen auf diese Weise mehr technische Innovationen. Die Amerikaner meinen, dass das Machen von Fehlern zum Erfolg gehört; und wenn man viele Fehler macht und aus jedem dieser etwas lernt, kommt man schneller ans Ziel.

Deshalb findet man hier auch Melonenbier oder andere außergewöhnliche Produkte, die beim Namen schon unmöglich klingen. 🙂

 

Hast du einen Tipp für diejenigen, die sich mit ihren Ideen selbstständig machen wollen?

Als ich in Berkeley studiert habe, sind meine amerikanischen Freunde immer offen und neugierig in jede neue Idee eingestiegen – was ich damals nicht wirklich verstehen konnte. Sie meinten immer, dass das Leben zu kurz sei um zu zögern oder Zeit an Kritik zu verschwenden. Auch ich habe zuvor Firmen gegründet aus denen nichts geworden ist, aber aus jedem Fehler habe ich so viel gelernt, dass es beim nächsten Mal besser geworden ist. Ich sehe es als eine Verbesserungsspirale, die, wenn man die Fehler richtig analysiert, zu besseren Resultaten führt.

Wie Steve Jobs es damals ausgedrückt hat: “Stay Hungry. Stay Foolish.” So sollte man seine Ideen verfolgen und versuchen, diese zu verwirklichen. Letztendlich hat man nur ein Leben und eine bestimmte Anzahl an Tagen zu leben. Wenn man nicht jetzt anfängt, wann denn dann?

 

Webseite: lucidcam.com

Facebook: LucidCam

Twitter: @Lucid_Cam